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»Formalismus bedeutet Zersetzung und Zerstörung der Kunst selbst« lautet ein Zitat aus der Formalismus bzw. Anti-Formalismusdebatte des Kalten Kriegs. Diese hat Tilo Schulz (*1972/Leipzig) zur inhaltlichen und formalen Auseinandersetzung in seinem Werk der letzten Jahre gemacht. Das Verständnis des Künstlers von Kultur und Gesellschaft ist von der sozialistischen, durch sein Aufwachsen in der DDR, wie von der kapitalistischen Ideologie nach der Wende gleichermaßen geprägt. Beide Ideologien werden in seinem Werk durch die persönlichen Erfahrungen und seine eigene Lebensgeschichte aus heutiger Sicht reflektiert und interpretiert. Dabei geht es ihm um die Erforschung einer Jahrzehnte lang gewachsenen Polarisierung zwischen Formalismus und sozialem Realismus, zwischen Abstraktion und Figuration / Narration - eine Form des politischen Machtkampfs zwischen Ost und West, ausgetragen mit den Propagandamitteln der Kunst.
In der aktuellen Ausstellung bei Steinle Contemporary setzt Schulz seine Beschäftigung mit diesem politischen Thema fort und inszeniert einen Gesamtraum. Darin präsentiert er eine Glasbausteinwand, Tafelbilder und ein Buch. Die raumgreifende Glasbausteinwand mit dem Titel "Die Kunst ist abstrakt geworden" (2007) krümmt sich vom straßenseitigen Schaufenster bis in das Kabinett im hinteren Bereich der Galerie. Dieses ist mit grauer Tapete im Stil der 1950er Jahre ausgeschlagen. Darauf hängen die "Transition Drawings" (2008), große weiße Bildtafeln mit abstrakten schwarzen Tuschezeichnungen. Hinter der transluzenten Wand blitzen bunte Farbflächen durch, es sind Farbexplosionen produziert durch Paintballschüsse auf die dahinter liegende Wand.
Zentrales Objekt in der Ausstellung ist das "Schwarzbuch des Formalismus" (2008). Alle Elemente der Ausstellung, wie die abstrakten Formen der Zeichnungen oder die Struktur der Glasbausteinwand, hat der Künstler in diesem Buch zusammen getragen. Von hier aus manifestieren sie sich als reale Objekte und erfahrbare Inszenierung im Raum der Galerie. Die Wand - wie auch die Vorhänge, die in den Ausstellungen von Tilo Schulz oftmals vorkommen - fungiert als Screen, als mentale Projektionsfläche. Aber sie fungiert auch als Grenze, als Schnittstelle oder Übergangszone zwischen den Ideologien, zwischen den Welten. Der Raum hinter der Wand bildet einen "Transition Room", einen Freiraum, in dem sich kreatives Potential freisetzen kann. Im aktuellen Falle, in der Galerie, visualisiert sich dies in Form der Farbspritzer. Diese expressive Geste bricht mit der formalen Strenge der Glasbausteinwand, und kann als Metapher von Kreativität oder künstlerischer Freiheit verstanden werden.
Schulz' künstlerische Suche gilt einer Abstraktion, die trotz der Konzentration auf die Form, Inhalte, wie politisches Engagement oder gesellschaftliche Fragen kommunizieren kann. Das ultimative Ergebnis dieser Bemühung ist die dynamische Kombination aus beiden Ideologien - und formiert bei ihm den "sozialen Formalismus".
Tilo Schulz (*1972/Leipzig, D) ist autodidaktischer Künstler und Kurator. Er lebt und arbeitet in Leipzig und Berlin. Er lehrt als Dozent, war Gründer und Mitherausgeber der Kulturzeitschrift spector, cut+paste und erhielt diverse Preise und Stipendien. Zuletzt stellte er in der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig (2007), im Magazin4 in Bregenz und am Institute of Contemporary Art (Dunaújváros, H) aus.
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