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Inhalt Andreas Höll
2006
 

Text zur Ausstellung „Fußballwelten“, Museum der Bildenden Künste Leipzig

Der Leipziger Künstler Tilo Schulz verschmilzt in seinen neueren Arbeiten zwei ästhetische Haltungen, die in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als unvereinbar galten. Während in der östlichen Hemisphäre die Doktrin eines politisch engagierten Realismus propagiert wurde, erhob man im Westen die abstrakte Kunst zum Glaubensbekenntnis einer freien Welt. Diese beiden Positionen – welche den jeweiligen Gegner entweder des „Formalismus“ oder der Nähe zum Totalitarismus bezichtigten - reflektiert Tilo Schulz z.B. in seiner Ausstellung (Don’t)look back in anger (2005). Hier kreist er um Stereotypen von Männlichkeit, wie sie in dem sozialkritischen Theaterstück Look back in anger von John Osborne oder in dem Film Fight Club entworfen werden. Diese Befragung von maskulinen Rollenbildern wird nun aber in einer Formensprache vorgetragen, die das genaue Gegenteil eines gesellschaftskritischen Realismus zu verkörpern scheint. Schulz verwendet nämlich geometrische Strukturen aus dem Fundus der Minimal Art, die per definitionem nach Objektivität, Abstraktion und Entpersönlichung strebt, doch zugleich auch als Inbegriff einer männlichen Rationalität gelesen werden kann – einer instrumentellen Vernunft nämlich, welcher indessen nicht bewusst ist, dass auch der white cube kein politikfreier Raum ist. Und so stellt diese verblüffende Synthese von gender studies und Konstruktivismus – welche etwa eine abstrakte Rasterstruktur mit dem Foto eines muskelbepackten Hollywoodstars kombiniert – die Frage nach der Ästhetisierung von Ideologie und der Ideologisierung der Ästhetik.

Um Männerbilder und „Formalismus“ geht es auch bei der Installation An Gott kommt keiner vorbei – außer Stan Libuda. Schulz bezieht sich hier auf die Stürmerlegende Reinhard Libuda (1943-1996) von Schalke 04, auf dessen sagenumwobene Karriere ein dramatischer Absturz folgte: verarmt und alkoholkrank sah er sich gezwungen, wieder bei seiner Mutter zu wohnen. Der Künstler spiegelt diesen Niedergang in einem klaustrophobischen Interieur, das zwischen zwei furnierten Platten eine verdreckte Matratze samt Bierflasche presst. Auf der sprichwörtlich glänzenden Außenseite des geometrischen Objekts beschwört er dagegen den Mythos des Dribbelkönigs. Auf einem Spiegel ist mit einem Filzstift der Titel gebende Ausspruch notiert, der auf einen Prediger im Ruhrgebiet zurückgeht. Der hatte in den sechziger Jahren auf seine Missionsplakate „An Gott kommt keiner vorbei“ geschrieben, was ein Fan durch den Zusatz ergänzte: „außer Libduda.“ Blickt man nun in diesen Spiegel, begegnet man einer wundersamen Dreifaltigkeit: der Himmel- und Höllenfahrt eines Stars, der Frage nach Gott, und – sich selbst.